14. St. Galler Management-Kongress schreibt DIGITALISIERUNG groß

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14. St. Galler Management-Kongress
schreibt DIGITALISIERUNG groß

Industrie 4.0 ist im Vormarsch. Nach einer internationalen Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) stuft jedes dritte Unternehmen seinen Digitalisierungsgrad hoch ein. Doch erst 42 % der Schweizer KMU binden die Kunden in ihre zu entwickelnden Geschäftsprozesse ein. *)

Beim 14. St. Galler Management-Kongress der renommierten St. Galler Business School, SGBS, setzten sich neun handverlesene Referentinnen und Referenten mit dem Handlungsbedarf und den Konsequenzen für bestehende Geschäftsmodelle bei Beekeper, Centogene, dotSource, Leica, Microsoft, Swarovski, TAB und Attocube systems/Wittenstein auseinander.

Analoges und digitales Kontrastprogramm von Beginn an: Die Thematik wurde dem rund 120-köpfigen Auditorium im ehrwürdigen Sitzungssaal der Staatskanzlei des Kantons nähergebracht und in einen Video-Livestream transformiert.

Einig waren sich die Unternehmensvertreter, Praktiker und Dozenten: Wer es heute versäumt, die Geschäftsmodelle nach der digitalen Welt auszurichten, wird morgen die Konsequenzen (er)tragen müssen. So wie einst klangvolle Weltmarken wie Agfa, Kodak oder Polaroid den Übergang von der chemischen zur digitalen Fotografie vor Jahren verpasst haben.

Der Aufsichtsratsvorsitzende und Mehrheitseigentümer der Leica Camera AG, Dr. Andreas Kaufmann lieferte Belege, wo Marktführer falsche Weichen stellten. Mit Leidenschaft hat er mit seinem Blick auf das Wesentliche das traditionsreiche Optikunternehmen zurück zum Erfolg geführt. Ihm gelang es, die Marke mit ihren analogen Wurzeln mit digitalem Fortschritt zu verknüpfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – bei präzisionstechnischem Vorsprung wie beim unverwechselbaren Design: Klare Linien, glatte Oberflächen und reduzierte Formen – kompakt und solide mit einer Optik für beste Bildergebnisse. Das Geschäftsmodell ist erfolggekrönt: Wenige Stunden nach seinem spannenden Vortrag wurde Dr. Kaufmann in Köln für sein visionäres Engagement mit der Goldenen photokina-Nadel ausgezeichnet.

Dr. Lea Sonderegger von der Daniel Swarovski Corporation zeigte begeistert, dass neue Wertschöpfungs-, Leistungs-, und Erlösmodelle über den Produktionsbereich hinaus eine wichtige Rolle spielen. Durch das Justieren des Vetriebsmodells und dem Synchronisieren des Webshops mit den Stores meisterte sie den Wandel im Digital Business Center. Omni-Channel lebt bei Swarovski, was die SGBS-Dozentin aus dem „FF“ (Faszination und Fakten) überzeugend darstellte. Ihr Fazit: Swarovski Produkte sind zum Sehen, Angreifen und Erleben wie geschaffen. Der Kunde wählt digital Produkte aus, aber will sie weiterhin in Stores hautnah spüren. Store-Partner profitieren auch dann von ihren Beratungsleistungen, wenn der Kunde nach der „Anprobe“ im Onlineshop bestellt (in England beträgt der Anteil schon 20 %). Wo andere Direktvertriebsfirmen noch vor ungelösten Problembergen stehen, responsive Websites noch Mangelware sind und Apps nach Zukunft klingen, hat sich bei Swarovski ein ausgeklügeltes Provisionssystem bewährt. Die Zahnräder verzahnen die analoge mit der digitalen Welt und greifen bei den Kristallwelten während der gesamten Kundenreise ineinander – offenbar so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk.

Dr. Marc Holitscher, Microsoft Schweiz GmbH, führte das Auditorium zu Arbeitsplätzen jenseits von Büros, die wie Käfige in einer starren Organisation eingebettet sind. Er zeigte, wie Microsoft mit autonomen, vernetzten Denk- und Werkplätzen in die Zukunft weisende Gegenpole gesetzt hat. Am Ende kam die Frage aus dem Auditorium, ob es in der digitalen Welt noch Verwaltungszentralen geben wird. Spannend. Holitscher ermunterte, an inspirierenden Orten zu arbeiten. So biete sich zum Beispiel mit ‚mia Engiadina‘ schon heute die Gelegenheit, permanent oder auch zeitweilig im schönen Engadin tätig und gleichzeitig nahe bei seinen Kunden zu sein. Mit Glasfasertechnologie holt man sich die Welt ins Engadin und öffnet dort das Tor zur Welt. Klingt logisch. Auf die Entwicklung von Microsoft angesprochen, war zu hören, dass sich das Unternehmen zum Spezialist für ‚Digital Transformation‘ weiterentwickelt. Ein Abgesang klassischer IT-Lösungen.

Silodenken, unklare Informationen und unorganisierte Prozesse sind die drei Faktoren, welche den Eintritt in die digitale Welt bei vielen Firmen hemmen, so nahezu übereinstimmend Christian Malik und Michael Beckmann – trotz ihrer unterschiedlichen Präsentationsstile.

Beckmann, ein ausgeglichener Coach mit drei Jahrzehnten Erfahrung im Handelsgeschäft, referierte mit klassischen Folien auf Englisch. Malik, junger wendiger Gründer und Geschäftsführer, dessen „Schnellboot-Startup“ 10 Jahre jung ist, trug im rasanten Tempo vor und bereicherte seine bildhaften Worte mit wirkungsvollen, animierten Fotos.

Michael Beckmann, Inhaber der The Alternative Board Deutschland, Region Hochtaunuskreis, erinnerte in seinem Vortrag „Adventures of a digital pro“ daran, dass Unternehmer, die vor komplexen Aufgaben stehen, bei der Hektik im Tagesgeschäft kaum Zeit haben, sich essentielle Fragen zu beantworten: Wo stehe ich? Was sind die Hebel für Profitabilität? Welche Kompetenzen sind künftig nötig? Und wie steht es um die wichtigste Ressource: um meine Lebensqualität? Wichtig: Entschleunigung. Dies mit rückblickenden Bildern über die revolutionäre Entwicklung auf dem Börsenparket. Wo einst mit Handzeichen einzelne Aktientransfers in Gang gesetzt wurden, erledigen dies heute Computer – tausendfach in Sekundenbruchteilen.

Warum es da und dort noch bei der digitalen Transformation klemmt, beleuchtete Christian Malik von der E-Commerce Agentur dotSource GmbH. Je  etablierter, eingesessener und konservativer Führungskräfte sind, desto anspruchsvoller der Change Prozess, so Maliks einfache, durch lebhafte Beispiele untermauerte, nachvollziehbare Formel. Diese fußt auf Erfahrungen von rund 100 Kundengesprächen, die er jährlich auf oberer Organisationsebene führt.

Themenwechsel: Am Beispiel des immer schnelleren Errechnens, Speicherns und Verwertens von DNA-Daten brachte Dr. Volkmar Weckesser, CIO der Centogene AG, das Auditorium zum Nachdenken, was der Umgang mit sensiblen, persönlichen Daten betrifft. Wie nutzen zum Beispiel Krankenversicherungen diese Daten und wie beeinflussen DNA-Fehler die Beiträge der Versicherten? Big Data steht nicht mehr vor der Tür, sondern hat seinen Fuß in unseren privaten Lebensraum gesetzt. Dass hier ethische Fragen aufkommen, was neue Geschäftsmodelle in der digitalen Welt der Forschung in Verbindung mit Versicherungen betreffen, liegt nah und bereicherte auch aus dieser Perspektive das Kongressprogramm.

„Wir helfen Ihnen dabei, alle Mitarbeiter Ihrer Firma zu erreichen und zu vernetzen. Ihre Mitarbeiter benötigen weder Firmen-E-Mail noch Handynummer.“, so die zentrale Botschaft der Beekeper AG. Fragen warf Markus Portners Vortrag auf, der zeigte, wie Beekeper mit seiner App-Idee sämtliche Mitarbeiter einer internationalen Hotelkette weltweit jederzeit über das Smartphone erreichbar sind. Das Schwarze Brett könnte damit der Vergangenheit angehören – gäbe es keine arbeitsrechtlichen Hürden. Offen blieb, wie sich die Anwendung auf andere Branchen übertragen lässt und wie man den Betriebsrat für diese Lösung mit ins Boot bekommt.

Zu diesem vielfältigen Themenreigen zählt der Einblick in die digitalisierte Produktionsstätte der Attocube systems/Wittenstein AG. Ein Unternehmen, das auf elektromechanische Antriebssysteme spezialisiert ist. Deren Produkte stecken zum Beispiel in Autos, umfassen Stellmotoren zur Nanopositionierung oder stecken in Form von Servomotoren in Flugzeugtüren. Bemerkenswerter Ausflug in neue digitale Anwendungen: Ein kompaktes, preiswertes Trackingsystem macht es künftig möglich, jeden Gegenstand und jede Person per GPS live bis auf wenige Zentimeter genau zu verorten. Beeindruckende Aussage des Nanotechnologen Dr. Dirk Kraft: Heute kann man über IP-Adressen theoretisch jedes Sandkorn codieren und digital nutzen.

Alles in Allem: Unter der Leitung von Herrn Dr. Christian Abegglen, Präsident des Verwaltungsrates der SGBS, und der Moderation von Herrn Ernst Wyrsch, Dipl. Hotelier SHV/VDH, SGBS-Dozent, lieferten die genannten hochkarätigen Praktiker aus einem hervorragenden Branchen-Mix wertvolle Einblicke in die sich wandelnden Herausforderungen. Wir gratulieren zu dieser gelungenen Veranstaltung und kommen 2017 gerne wieder!

Hans-Peter Förster, Corporate Wording® Begründer
Andreas Förster, Corporate Wording® Partner
*) Eine Ko-Publikation von PwC Schweiz, Google Switzerland GmbH und digitalswitzerland gingen der Frage auf den Grund: „Digitalisierung – Wo stehen die Schweizer KMU?“. Dazu wurde der Reifegraf der Digitalisierung mit einer Skala von 1 bis 4 bewertet. Der durchschnittliche Digitalisierungsgrad der 300 Studienunternehmen liegt in der Mitte bei 2,05.

 

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